Der eigenen Stimme Gehör verschaffen

Wird in einem wissenschaftlichen Text sprachlich nicht deutlich gemacht, «wer spricht», kann es passieren, dass sich fremde und eigene Positionen zu vermischen beginnen – für die Lesenden ist nicht mehr klar, wessen Stimme es ist, die aus dem Text spricht.

Damit Sie sich eine bessere Vorstellung bilden können, lohnt es sich, wenn Sie zunächst schauen, wie Expertinnen und Experten vorgehen: Wie signalisieren sie sprachlich ihre eigene Sichtweise? Wie fassen sie Argumente, Aussagen u.Ä. von anderen zusammen? Wie markieren Sie fremde Perspektiven?

Gehen Sie wie folgt vor:

  1. Lesen Sie dazu Beispiel 1 und 2 im Anhang. Übermalen Sie die sprachlichen Ausdrücke für die eigene Position und für die ‹fremden› Perspektiven mit unterschiedlichen Farben.
  2. Nehmen Sie nun Ihren eigenen Text. Fragen Sie sich, wie viele verschiedene Perspektiven sie in Ihrem Text darstellen und wie gut Sie diese verschiedenen Perspektiven sprachlich unterscheiden:
    • Gibt es andere, weitere Perspektiven, die Sie in Ihren Text einbauen könnten bzw. sollten?
    • Wie unterscheiden Sie Ihre Sichtweise von der Sichtweise anderer?
    • Verwenden Sie dazu klare sprachliche Signale?
    • Welche Möglichkeiten hätten Sie noch, um klarer hervorzuheben, wer was sagt, welches Ihre Stimme ist?
    • Welche Möglichkeiten sind angemessen für den konkreten Text, den Sie bearbeiten?
    Wenn Sie denken, dass Sie noch nicht genügend verschiedene Perspektiven eingearbeitet haben und Ihre eigene Stimme und die von anderen noch nicht klar unterschieden sind, überarbeiten Sie Ihren Text.

Hinweis 1
Je nach Fach oder Disziplin kann es unterschiedliche sprachliche Konventionen geben. Wenn Sie unsicher sind, ziehen Sie Texte anerkannter wissenschaftlicher Autoren und Autorinnen Ihres Bezugsfachs, Ihrer Bezugsdisziplin hinzu. Beispiel 1 und Beispiel 2 sind Textausschnitte verschiedener Gewährspersonen aus unterschiedlichen Fächern bzw. Disziplinen (qualitative Forschung, Sprachwissenschaft/ Sprachdidaktik).

Hinweis 2
Nachahmen kann eine sehr sinnvolle und nützliche Strategie sein (das tun selbst berühmte SchriftstellerInnen, vgl. Essig 2007). Variieren Sie aber, kopieren Sie nicht einfach: ‹Trainieren› Sie Ihre sprachliche Ausdrucksfähigkeit – so, wie Sie vielleicht beim Skifahren als AnfängerIn unzählige Mal den Hang hinunter sind, immer wieder und noch einmal, selbst wenn Sie hin und wieder hingefallen sind … Eine Idee, um gezielt die eigene Stimme trainieren zu können, finden Sie auch in «Aus Alt mach Neu» (insbesondere Schritt 3 und 4).

Nach einer Idee von Graff/Birkenstein (2010: 75–77).

Literatur
Essig, Rolf-Bernhard (2007): Schreiberlust und Dichterfrust : kleine Gewohnheiten und große Geheimnisse der Schriftsteller. München: Hanser.
Graff, Gerald und Birkenstein, Cathy (2010): They Say/I Say: The Moves That Matter in Academic Writing. 2. Aufl. New York/London: W. W. Norton & Company.

Beispiel 1

Beispiel 2

Diese Seite als PDF